Floc de Gascogne

Guten Tag!

An was denken Sie, wenn Sie „Likörwein“ hören? Mir kommen bei diesem Wort gleich ein paar – zugegebenermaßen klischeehafte – Bilder in den Kopf:

  • Ältere Damen, die Meringen (Baiser) essen, ihren Sherry schlürfen und die Welt Welt sein lassen;
  • Fancy Ladies in fancy Kleidern im viktorianischen London, die einen Madeira genießen, der sie von Nebel, Ruß und Welt ablenkt;
  • Alte, Zigarre rauchende Männer in Süditalien, denen der Grappa zu stark, der Limoncello zu süß doch ein Marsala genau richtig ist;
  • Ein Koch, der in einem guten Restaurant eine Portweinsoße zubereitet;
  • Ein Dorf in Südfrankreich, in dem die Zeit still steht und die Menschen das Leben genießen.

Wir wollen heute einen Likörwein, der wohl am besten zu dem zuletzt von mir genannten Bilde passt, verkosten… einen Floc de Gascogne.

FG
Domaine de Paguy
Floc de Gascogne
Appelation de Gascogne contrôlée
MIS EN BOUTEILLE AU DOMAINS
17%vol. 75cl
Produit de France

Ich ziehe den Presskorken, der oben – wie bei vielen Südweinen – einen Plastikstöpsel hat, aus der Flasche, auf der „FG“ eingeprägt ist, und rieche daran; er riecht nach Kork (ich hätte erwartet, dass mir hier schon viele typische Südweinaromen entgegenströmen…).

Im Glas ist der Wein klar, dunkel bernsteinfarben und zum Rand hin gold-orange. Beim Schwenken zieht er viele, dicke, langsame Schlieren, die runde Bögen bilden.

Floc de Gascogne
Floc de Gascogne

Nachdem ich die optischen Merkmale betrachtet habe, will ich ins Glas riechen, doch soweit komme ich nicht. Als ich das Glas in Richtung Nase führe, kommt mir die schwere Aromenfülle, die ich am Korken vermisst habe, schlagkräftig entgegen: Holz, Leder Dörrpflaume, Pflaume, Tabak, Karamell, (überreife) Bananen, saure Johannisbeeren, Vanille, kandierte Orangen und (ganz stark) Zuckerrübensirup!

Schließlich schnuppere ich doch noch im Glas, finde dabei jedoch lediglich Alkohol und Holz. Nicht so schlimm, der Geruch überm Glas, macht das wett – und was will man bei 17 Umdrehungen erwarten?

Im Mund ist der Wein, der im Übrigen aus unvergorenem Traubensaft und Armagnac (Weinbrand) hergestellt wird, wie Sie sich denken können, süß. Aber auch säuerlich. Und er schmeckt nach Dörrpflaume, Banane, Tabak, kandierten Mangos.

Beim Sprudeln kommt mir der Alkohol entgegen, der schon recht scharf ist – und eine gewisse Tabaknote.

Der Abgang ist lang und schmeckt nach Banane, Karamell, Orangenschale, kandierten Früchten, Tabak, eingelegten Pflaumen und auch nach Alkoholschärfe.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr passt der Wein vielleicht doch zu den fancy Ladies in England, die sich – ausgedrückt durch ihr Verlangen nach Südwein – an einen Ort, wie ein kleines Dorf in Südfrankreich, wünschen, wo die Welt noch in Ordnung ist, ohne Maschinen, Lärm und Armut; auch wenn sie selbst davon, also von diesem Wunsch, wahrscheinlich gar nichts ahnen geschweige denn wissen.

Michael

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