Weinprobe im Südpfalzweinberg 2018, Teil 1

Guten Tag,

am 29. September 2018 war – wie jedes Jahr – Michaeli, also mein Namenstag. Aber da war noch etwas … etwas ganz Besonderes: die kulinarische Weinprobe im Südpfalzweinberg. Wäre ich egoistisch, würde ich nicht darüber berichten, damit nicht noch mehr Weinliebhaber einen Run auf die eh schon raren Karten starten. Da ich aber nicht egoistisch bin und darüber hinaus das Projekt „Rebsortenarchiv“ im Südpfalzweinberg sehr unterstützenswert finde, berichte ich hier gerne von der Weinprobe und dem Drumherum mit einem einleitenden Beitrag. Wenn ich damit etwas Mund-zu-Mund-Propaganda für eine gute Sache machen kann, freut mich das umso mehr.

Bei einer Führung durch den Südpfalzweinberg und einem Vortrag im Rathaus von Lustadt (wo danach auch die kulinarische Weinprobe stattfand) erfuhren die Teilnehmer sehr viel Interessantes, Kurzweiliges und Wissenswertes rund um das Thema Wein vom Rebsortenarchivar Andreas Jung:

Den Ort Weingarten – wo der Weinberg steht – gibt es mindestens seit dem achten Jahrhundert und vermutlich wird auch schon seit damals Wein dort angebaut. Wir wurden über die Weinrebe als Pflanze und über die Arbeit von Herrn Jung informiert und erfuhren zum Beispiel, dass Weinreben viel Wasser brauchen. Aus diesem Grund wurden sogenannte Hausstöcke vor die Häuser gepflanzt (im Spalier erzogen), die die Keller trocken halten sollten. Normalerweise werden Reben vegetativ vermehrt. Deshalb muss zwischen Klon und Rebsorte unterschieden werden. In den sieben Rebsortenarchiven von Andreas Jung stehen 320 Sorten – davon 117 im Südpfalzweinberg. Insgesamt sind über 1500 Klone archiviert. Probleme beim Archivieren sind Viren, Pilze und heuer ganz besonders der Trockenstress, der den Wein bitter werden lässt. Früher muss es in Europa aber mal viel wärmer gewesen sein (also im Mittelalter), da wir sehr viele späte Sorten unter den alten Rebsorten haben, die also sehr viel Sonne brauchen. Erst die Züchtungen aus dem letzten Jhd. sind sehr frühe Sorten. Die Lehre der Ampelografie funktioniert besser, wenn sich die Ampelografen auf alte Beschreibungen verlassen, als wenn sie die zur Zeit sehr gehypten DNA-Analysen verwenden, da diese manchmal zu ca. 50% fehlerhaft sind, was dazu führt, dass Sorten oft falsch bestimmt werden. Wichtig ist auch, dass Rebsorten, obwohl genetisch fast gleich, sich morphologisch sehr unterscheiden können. Früher wurden in Archiven oft alte Sorten gerodet um neue Sorten zu archivieren, da die Archive vor allem kommerzielle Interessen verfolgten. Das macht Andreas Jung natürlich nicht, er will die Rebsorten und den Genpool für die Nachwelt erhalten.

Weiter ging der Vortrag mit einer kleinen/großen Geschichte des Weines, bei der ich so manches Neues erfahren durfte. Manche Hausreben in Südtirol sind bis zu 800 Jahre und Reben in Georgien bis zu 900 Jahre alt. Viele (ca. 30) französische Rebsorten haben Namen von Dörfern (ca. 19 an der Zahl) aus Albanien, zum Beispiel Aligoté, Pinot und Arbane. Das ist wohl so, weil ein sehr großes Hochwasser, das Magdalenenhochwasser, fast alle Rebflächen Frankreichs zerstörte und die damaligen französischen Rebsorten gleich mit. Ein französischer Adliger, der auch Besitzungen im heutigen Albanien hatte, holte von dort neue Reben und die wurden dann nach dem Dorf, aus dem sie kamen, benannt. In Deutschland gingen auch viele Rebsorten im Magdalenenhochwasser verloren, allerdings hat man hierzulande Sorten aus dem heutigen Kroatien und Slowenien geholt, da das billiger war … In Frankreich findet man auch viele Sorten, die ursprünglich aus dem heiligen Land kommen und von den Kreuzrittern mitgebracht wurden. Auch daran erkannt man, dass es im Mittelalter – bis zum Hochmittelalter – sehr warm gewesen ist, also ca. bis 1200. Erst danach kam die kleine Eiszeit und es wurde kalt. Seit 1500 wird es wieder wärmer – und das können wir alles am Weinbau ablesen. In Chroniken findet man Berichte, dass im 12. Jhd. Weihnachten die Veilchen blühten und im März Kirschen reif waren. Im Januar schlugen die Bäume aus und im Februar bekamen die Vögel ihre Kinder. Das erklärt auch, warum man in ganz Deutschland in alten Weinbergen so viele sehr späte Sorten findet, wie z. B. den Orleans.

Herr Jung ging nun näher auf die Frage ein, wie und woher der Weinbau nach Europa kam. Interessant ist, dass die Fruchtbarkeitsgöttin Siva mit Reben dargestellt wurde, lange bevor die Römer in Deutschland waren. Also muss es den Wein schon vor den Römern gegeben haben … und zwar beim Volksstamm der Wenden. Viele der „Wildreben“, die man in Deutschland heute findet, sind gar keine. Vielmehr handelt es sich um vor langer Zeit verwilderte Kulturreben. Diese Kulturreben sind nur schon zu einer Zeit verwildert, von der man dachte, es gab damals noch gar keine Kulturreben. Anscheinend ist der Weinbau viel älter, wie oftmals angenommen wird. Dafür spricht auch, dass man Kultursorten gefunden hat, die älter sind als manche Wildsorten. Schon in der vorrömischen Völkerwanderung wurden Sorten aus Osteuropa in Europa verteilt (As-Turiker und Franken im 3. Jhd).

So, nun genug der Theorie. Im nächsten Beitrag stelle ich Ihnen dann endlich die Weine aus alten Rebsorten vor, die wir verkosten durften.

Viele Grüße
Michael

Ach ja: In Weingarten kann man auch schön Mittagessen in der Gaststätte „Zum Schwanen“, zum Beispiel Saumagenburger oder Leberwurst. Und übernachten kann man super im Hotel „Zur Rose“ in Lingenfeld.