Von Fränkischem Burgunder, Blauem Muskateller und Co. – Kulinarische Weinprobe 2019 im Südpfalzweinberg bei Andreas Jung (Rebsortenarchiv)

Guten Tag,

wie die aufmerksamen Leser meines Blogs wissen, bin ich ein Rebsortenpate. Mein Patenkind ist die Mohrenkönigin. Eine von ca. 130 Rebsorten, die als ausgestorben galten, aber von Andreas Jung in seinem Rebsortenarchiv gerettet wurden. Einen Teil des Archives, den Südpfalzweinberg, habe ich 2019 im Rahmen der Kulinarischen Weinprobe besucht. Davon will ich Ihnen nun berichten.

Vor der Weinprobe waren wir noch Mittagessen in der Gaststätte zum Schwanen und haben mit Leberklößen und Saumagen und natürlich dem Leibgetränk der Pfälzer, der Weinschorle, die Pfalz genossen.

Die Kulinarische Weinprobe begann mit einer Führung durch den Südpfalzweinberg in Weingarten, einem Ort, in dem seit dem 8. Jhd. Wein angebaut wird. Die Lage heißt Schlossberg, doch wenn man sich umschaut, sucht man vergebens, denn das Schloss, nach dem der Berg (eher ein sehr flacher Hügel) benannt ist, steht nicht mehr. Beim Betreten des Weinbergs gab es dann erst mal einen lauten Knall, aber das war nur ein Vogelschreck, um die Vögel, die auch wissen, was gut schmeckt, aus den benachbarten Weinbergen zu verscheuchen.

Seit 2006 bzw. 2008 sammelt Andreas Jung hier alte Rebsorten, von denen fast alle als ausgestorben galten. Anfängliche Schwierigkeiten, die dadurch entstanden sind, dass man „ausgestorbene“ Rebsorten nicht anpflanzen darf, da es sie offiziell nicht (mehr) gibt, konnten dadurch behoben werden, dass er nun offiziell Züchter ist. Und das entspricht auch seinem Ziel. Er will die alten Rebsorten nicht nur sammeln, sondern auch an Züchter und somit an Winzer zurückgeben, damit sie wieder angebaut werden. Und dieses Ziel finde ich – gerade wenn man an Begriffe wie „Genpool“ oder „Biodiversitätskonvention von Rio“ denkt – sehr ehren- und unterstützenswert.

Selbst an so einem flachen Hang wie dem Südpfalzweinberg ist die Hangneigung spürbar: Oben ist der Hang steiler und die Weine somit süßer. Eine Rebsorte mit einer „interessanten“ historischen Aufgabe gab es auch zu bewundern: die Putzschere. Sie war schon früher ein Massenträger und eher sauer. Warum wurde sie dann früher recht viel angebaut? Da sie sich hervorragend geeignet hat, um den Zehnt zu bezahlen. An unterschiedlich bunten Stangen erkennt man übrigens die Besitzer der einzelnen Reihen im Weinberg.

Vor dem Essen und der Weinprobe gab es dann in bekannter Weise einen Vortrag. Dabei haben wir gelernt, dass Reben genetisch gleich aber morphologisch ganz verschieden sein können. Unser Weinbau kommt aus Georgien bzw. vom Kaspischen Meer und ist über 8.000 Jahre alt – und nicht etwa von den Römern oder Griechen – nein, nein: viel älter.

Kennen Sie die Rebsorte(n) Gouais noir? Das ist der Name zweier Rebsorten. Eine davon aus dem französischen Jura, die andere gab es mal in der Champagne. Diese Namensgleichheit wurde dann der Champagner-Rebe zum Verhängnis. Da man dachte, dass aus gleichem Namen gleiche Rebe folgt, hat man nur eine vermehrt – die aus dem Jura. Die aus der Champagne starb aus, obwohl um 1900 noch ca. 4.800 ha in der Champagne damit bestockt waren. Das zeigt, wie kurios die Geschichten der ausgestorbenen Sorten sind. Allerdings hat Andreas Jung die alte Champagner-Rebe wiedergefunden. Nicht in Frankreich. Nein, bei Halle. Weiter lernten wir, dass es viele französische Rebsorten überall in Osteuropa gibt und dass früher auch der Franc noir in der Champagne angebaut wurde.

Sodann begann die Weinprobe.

  • Der erste Wein war der „Alte Sorten weiß“, der sehr frisch und grün nach Birne, Zitrone, Joghurt und gebratener Paprika roch bzw. schmeckte.
  • Danach folgte der „Alte Sorten Kabinett rosé“ mit seinem süßen Bukett von Honig, Rose, Blumen, Kirschen, ja, Amarenakirschen und Walderdbeeren. Trotz einer leichten Herbe hat er mich an Bacchus und Muskateller erinnert.
  • Der „Grüne Adelfränkisch“ hat ein betörendes Bukett von Mandarine bzw. Dosenmandarine, Pfirsich, Nektarine. Er ist süß und fruchtig, erinnert an Muskateller und zeitgleich angenehm leicht und herb.
  • Ein nach grünen Kiwis und Limetten, Gras und Kräutern wie Waldmeister riechender, herber „Weißer Räuschling“ war die Nummer Vier.
  • „Gelber Kleinberger“ ist der Name von Wein Nummer fünf, der nach Zitrone, Galiamelone, Aprikose, Ananas schmeckte und dabei prickelnd, frisch, aromatisch und mineralisch war.
  • Und der sechste Wein war der petrolige, herbe „Grünfränkisch“ mit seinem sehr intensiven, exotischen Aromenstrauß von Blutorange, Himbeere (vielleicht sogar Himbeerbrause), Erdbeeren, Honigmelone, Parfüm (Rose, Lavendel), Kirschwasser, Quitte und vor allem Mango!

Zum Abschluss gab es noch zwei rote Weine und einen Dessertwein.

  • „Hartblau“ war der siebte Wein. Er schmeckte nach schwarzen Johannisbeeren, Brombeeren, Granatäpfeln (mit dem Weißen). Dazu Leder und Kräuter und der Duft von Maraschino. Mittelviele Tannine, die eher pikant und kantig und nicht sonderlich rund waren, machten den Wein markant.
  • Der achte Wein war ein „Fränkischer Burgunder“, der fruchtig und sehr herb nach rotem Johannisbeerengelee, Brombeeren, Waldhonig, Rinde, Holundergelee und Sternanis schmeckte bzw. roch.
  • Und schließlich ein „Blauer Muskateller“ zum Dessert – ein Traum in einer Flasche:
    Rose!
    Honig!
    Litschi!
    Dazu leicht frisch, harmonisch und ein paar Himbeernoten.

Die Kulinarische Weinprobe ist jedes Jahr ein Highlight in meinem Weinkalender. Es ist ein wunderschöner Kurzurlaub, ich lerne etwas und – vor allem – ich darf Weine verkosten, die teilweise seit hunderten von Jahren fast kein Mensch mehr getrunken hat.

Viele Grüße

Michael